Gottesdienst zum Abschluss des Jahres der Taufe

(4. Advent 2011 in Hamm)

von Holger Banse

Thema: Bin ich es wert?

Lk 1, 26-32

Liebe Gemeinde,

das Jahr 2011 neigt sich dem Ende zu und weil wir es später begonnen haben, das Jahr der Taufe, wollen wir es auch ein wenig später beschließen.

Es war im Januar, dass wir den Taufbaum in diese Kirche stellten. Und obwohl im Verlauf der Monate die Blätter vertrocknet sind, haben die Blüten, die wir ihm anhingen, im Verlauf der Wochen zugenommen. Für jede Taufe in den vergangenen 12 Monaten eine Blüte. Auf ihr der Name, Geburts- und Taufdatum des Mädchens, des Jungen, die wir getauft haben. So zeigt der Baum bis heute 20 Blüten.

Lassen Sie mich am Ende des Jahres der Taufe noch einmal einige Gedanken zur Taufe formulieren. Dazu nehme ich die Verse des Lukas auf, die ich eben verlas.

Da erscheint der Engel Gabriel einer jungen bisher unbekannten Frau. Maria heißt sie und wohnt in Galiläa, in der Stadt Nazareth. Wir wissen nicht viel über sie: wie sie heißt, wo sie wohnt, dass es eine junge Frau und dass sie mit einem Mann namens Joseph verlobt war. Noch ein für Lukas wichtiger Hinweis: Joseph stammt aus dem Hause Davids. Nichts erzählt Lukas, was Maria vor allen anderen Frauen auszeichnete, nichts über ihre Frömmigkeit, nichts darüber, ob sie ein guter Mensch war oder nicht, nichts über ihren Tagesablauf, nichts ob sie eine gute Schülerin war oder tüchtig in ihrem Beruf. Das alles interessiert nicht. Lukas berichtet das, was hier in diesem Moment wichtig ist: Du, Maria, hast Gnade gefunden bei Gott. Von Gott angenommen, von Gott ausgewählt. Maria musste keine Zeugnisse vorlegen, musste kein Bewerbungsschreiben schicken, musste keine Empfehlung schreiben lassen. Nichts davon! Du hast Gnade gefunden bei Gott. Die Gnade Gottes, das ist alles, das reicht. Aber warum gerade sie? Was war bei ihr anders als bei den anderen, was unterschied sie? Wir wissen es nicht. Das einzige, was wir wissen. Gott entscheidet sich für sie. Er wählt sie aus. Er ruft und sagt: Du hast Gnade gefunden bei mir. Ich liebe dich. Ich brauche dich. Mich interessiert nicht, was du bist. Allein, dass du bist und wer du bist, das ist mir wichtig.

Wie und warum und warum ich? Es ist falsch, Gott diese Fragen zu stellen. Genauso unsinnig wie die Frage: warum liebst du mich? Wer würde sie seiner Mutter stellen, seinem Vater? Liebe ist grundlos, Liebe ist zwecklos. Sie lässt sich auch nicht einfordern. Sie ist da oder nicht. Mit ihr gelingt Beziehung, egal ob zu den Eltern, den Partnern oder Freunden. Beziehung gelingt, wo Liebe ist, so sie akzeptiert, wo sie nicht in Frage gestellt, bezweifelt oder diskutiert wird. Du hast Gnade gefunden, weil ich dich liebe.

Ich komme zurück zur Taufe. Denn auch wenn es bei der Taufe nicht sichtbar wird. Aber genau darum geht es: um Gnade und Liebe. In der Taufe sagt Gott zu mir: du bist mein Kind, ich will dir gnädig sein. Ich liebe dich, ich lasse dich niemals mehr allein. Ich bin bei dir. Und besonders, wenn wir Kinder taufen, wird  deutlich: egal, wie ein Kind sich entwickelt, ob es klug wird oder weniger, ob es dünn bleibt oder ein bisschen weniger, ob es gesund bleibt oder weniger, ob es stark wird oder weniger, ob es hier in Deutschland zur Welt gekommen ist oder im afrikanischen Kongo, ob es einmal alt wird oder weniger: du hast Gnade gefunden, …. weil ich dich liebe.

Gott macht keine Casting-Shows, um sich den besten, die schönste, den Talentiertesten zu erwählen. Gott verteilt auch keine Zeugnisse und nur der mit der 1,0 im Schnitt kommt weiter. Nein, Gott erwählt aus reiner Liebe und da spielen Begabungen, da spielen Noten keine Rolle. Noten nicht, aber der Ton, mit dem ich den Namen Gottes zum Klingen bringe. Ich muss mich vor Gott auch nicht in den Vordergrund spielen und die anderen an die Wand drücken. Ich muss mich auch nicht selbst rechtfertigen. Ich muss ihm auch nicht zeigen, was für ein toller Typ ich doch bin: hier, schau mein Auto an, mein Haus, mein Handy und meine Playstation, alles vom Feinsten. Nein! Brauche ich nicht. Irgendwann ist das doch alles Schrot.

Was aber bleibt, ist das, was ein jeder und eine jede von uns hat, was wir mit unser Geburt mit auf den Weg bekommen haben: unser Leben. Und es gelingt, wenn wir geliebt werden. Und es gelingt, wenn wir lieben können. Dann brauchen wir uns um alles andere keine Sorgen zu machen. Darum geht es in der Taufe und darum sollten wir uns, so oft es uns möglich ist, wenn es uns gut und wenn es uns schlecht geht, wir sollen uns daran erinnern, dass wir getauft sind, (- wenn wir getauft sind). In der Taufe bekamen wir das Siegel, das Siegel Gottes, das uns seiner Liebe im Zeichen der Taufe versichert. Und darum sollen wir uns nicht nur immer wieder unserer Taufe erinnern, sondern auch Gott danken, dass er uns liebt, dass er uns gnädig ist, dass wir seine Kinder heißen dürfen.

Martin Luther, wenn er besonders große Angst hatte, wenn seine Zweifel, ob er es Gott recht machen würde mit dem, was er tat, wenn er in seinem Leben durch tiefe und dunkle Täler schreiten musste, gerade in diesen Zeiten erinnerte er sich seiner Taufe. Und gleichsam als einen Talisman, als ein Zeichen, dass ihn vor allem Bösem schützen sollte, schrieb er mit Kreide vor sich auf den Tisch: ‚Ich bin getauft‘.

Im Jahre 1540, so, als ob er ahnte, dass es irgendwann Menschen gäbe, die den Sinn ihres Lebens, den Sinn ihres Seins in Frage stellten, die fragten, ob sie überhaupt eine Existenzberechtigung auf dieser Welt, für dieses Leben hätten, ob sie von Gott geliebte Menschen seien, ob ich es denn wert bin, zu leben, ob ich es denn überhaupt wert bin, dass Gott mir Aufmerksamkeit schenkt, ob ich Gottes Liebe wert oder seiner würdig wäre, schrieb er einmal ein einem Büchlein[1]:
Sage nie: Ich bin nicht wert oder würdig, dass Gott mich liebt. Im Gegenteil. Sage oder denke immer so:
1. Ich bin würdig gewesen, dass mich Gott mein Schöpfer aus nichts geschaffen hat…

2. Ich bin würdig gewesen, dass mich Gott durch seinen eingeborenen Sohn erlöst hat.

3. Ich bin würdig geachtet, dass der Heilige Geist mir Lust und Liebe zum Evangelium in mein Herz gegeben hat.

4. Ich bin von Gott würdig erachtet, dass er mir das heilige Evangelium, sein himmlisches Geheimnis und seine Weisheit, predigen und offenbaren lässt.

5. Ja, ich bin auch würdig geachtet, dass ich manchmal um Gottes willen so viel ertragen und leiden muss.

6. Ich bin würdig geachtet, dass ich mit Gottes Hilfe und starken Beistand trotz aller Anfechtung durch den Satan und Gefahr in der Welt am Leben bleibe.

7. Ich bin würdig geachtet, dass mir Gott gebot, dies alles zu glauben.
8. Ich bin würdig geachtet, dass mir Gott auch gebot, daran, vor allem an seiner Gnade und an seinem liebenden Vaterherzen durch Christus, niemals zu zweifeln.

Darum will ich, Herr, immer deiner Werke gedenken und all das betrachten, was du für uns tust.

Darum steht geschrieben: Wirf dein Anliegen auf den Herrn, und er wird dich versorgen!

 


 

[1] Martin Luther: Ein kurzer Trostzettel für die Christen, dass sie sich im Gebet nicht beirren lassen (1540). Martin Luther: Gesammelte Werke, S. 4093 (vgl. Luther-W Bd. 6, S. 204) (c) Vandenhoeck und Ruprecht
[WA 51, 455 - 456], des besseren Verstehens willen in Überarbeitung des Verfassers